Ich und Du - das Buch
Die Ich-Du-Situation, die Beziehung, ist ausschließlich. Sie füllt den Himmelskreis. Was aber schließt sie damit aus ? Nichts, erstmal. Aber auch alles: nämlich alles Es. Es gibt kein Es mehr in der Ich-Du-Situation. Alles tritt in den Licht-Schein der Beziehung und „erscheint“ in ihrem Licht. Damit besteht aber noch nicht zu allem was sonst ist in der Welt eine Ich-Du-Beziehung. Eher zu nichts, was sonst noch in der Welt ist. Sie füllt also den Himmelskreis (Sphärenbild), aber nicht im Sinne eines Einschließens, sondern im Sinne eines Ausschließens. So verstehe ich das jetzt jedenfalls.
Dann behauptet Buber, diese „Weltweite“ der Beziehung erscheine als Unrecht an der Welt, sobald das Du wieder zum Es geworden ist. Ist das so ? Wem erscheint sie so ? Weltweit heißt dann wohl nicht, dass die Ich-Du-Beziehung in der Welt „global“ sei, sondern dass sie dick und fett sei und sich über die ganze Welt lege. Eigentlich gibt es die ganzen anderen Es noch, aber sie sind aus dieser Ich-Du Beziehung ausgeschlossen und erscheinen nur noch in ihrem Licht -–bis zum unwiederruflich nahenden Ende dieser Ich-Du-Beziehung.
Nun meint Buber, anders als bei der Beziehung zu einem „weltlichen Du“ seien in der Beziehung zu Gott „unbedingte Ausschließlichkeit und unbedingte Einschließlichkeit eins.“ Die Beziehung zu Gott (zum ewigen Du ?) entsteht also mit der Ich-Du-Beziehung zu Allem, oder aus der Ich-Du-Beziehung zu Allem wird die Beziehung zu Gott. Soweit erscheint mir das nicht neu und überraschend. Ein spannender Punkt ist aber wieder die Aussage: „Gott in der Welt“ – das ist Es-Rede. Umgekehrt wird wohl ein Schuh draus – aber etwas schwer in Begrifflichkeit zu fassen. Wir sind sicher am Ende der Begrifflichkeit.
„Wer alles Weltwesen ihm zuträgt, findet ihn, den man nicht suchen kann.“ Dazu soll man mit dem ganzen Wesen zu seinem Du ausgehen. Auf jeden Fall steckt da drin, dass man bloß das Wesen ganz lassen soll. Man findet Gott auch nicht, wenn man aus der Welt ausgeht. Das ewige Du ist immerhin schon zu sehen, zu finden, wenn man durch das Du und alle Du‘s hindurchschaut – hinter ihnen, im Schnittpunkt der Linien. Damit bekommt das Bild von den Schnittpunkten für mich ein neues Verständnis: Erst aus den mehreren, eher vielen, am besten unendlich vielen gleichzeitigen Beziehungen zu DU’s dieser Welt kann ich den Schnittpunkt hinter ihnen ausmachen, kann ich Gott finden. Erst wenn bzw. sobald oder solange ich mit allem Einzelnen in der Ich-Du-Situation stehe, bin ich in der Beziehung zu Gott.
Und noch ein paar weitere wunderbare Buber’sche „Hinweise“ auf Gott.
sehen - 19. Jul, 09:04
Es geht um den Weg zum Anderen hin. Das ist mein Anteil. Sein Wegstück zu mir hin, dass ist aus seiner Sicht sein Anteil, aus meiner Sicht Gnade, aber nicht ein Teil von mir – auch dann nicht, wenn wir uns wirklich begegnen, wenn wir in Beziehung treten. Es geht hier also nicht darum, dass jeder „seinen Weg allein gehen muss.“ Sondern ob ich auf den anderen zugehe, ob ich überhaupt gehe, das ist mein Anteil. Eine wirklich große Verantwortung. Ob der andere einen Weg geht und ob wir gemeinsam in Beziehung treten können liegt danach nicht mehr bei mir. Wohl aber liegt es bei mir, ob ich selbst in die Beziehung eintrete. Es ist wohl nicht meine Schuld, wohl nicht einmal meine Verantwortung, nicht immer etwas was woran gearbeitet werden kann oder muss - aber doch ein Teil von mir.
Ein neuer Begriff von Beziehung: Aktion des ganzen Wesens, die alle Teilhandlungen soweit aufhebt, dass aus Aktion der Passion ähnlich wird. Wir kommen in den Bereich des Buddhismus, habe ich den Eindruck: die allumfassende Tätigkeit des ganz gewordenen Menschen (Beziehung) ist das Nichttun, nicht mehr eingreifen, sondern wirken und bewirkt werden – in der Beziehung eine wirkende Ganzheit werden. „In dieser Verfassung Stetigkeit gewonnen haben heißt zur höchsten Begegnung ausgehen können.“
Es geht nicht aus der Welt zu treten, auch nicht aus der Scheinwelt – denn es gibt nur eine Welt. Es geht aber darum das Abgetrenntsein abzutun – nicht es zu überwinden, sondern es „einfach“ abzulegen. Dieses Ausgehen ist nicht lehrbar - Buber lehrt nicht – es ist nur aufzeigbar – das ist es, was Buber mit diesem Buchg bezweckt: aufzeigen, hinweisen…
Im Gegensatz zur Mystik, so Buber, käme es auch nicht darauf an, das „Ich“ aufzugeben (ohne Ich keine Beziehung, keine Begegnung), sondern nur einen Drang, sich vor der Beziehung in das „Haben“ der Dinge zu flüchten. Diesen Drang nennt Buber Selbstbehauptungstrieb. In diesem Ausdruck ist sicher die „Behauptung“ zu betonen und im übrigen gehört er wahrscheinlich zur Definition der „Eigenwesen“ des II. Teils. Die Welt der Beziehung kennt keinen Halt, sie hat keinen Grund, da sie keine Grenzen hat. Das bedeutet Unsicherheit – kein Wunder, dass wir Angst davor haben !
sehen - 17. Jul, 22:15
Der erste Absatz besteht aus einem einzigen Satz: „Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du.“ Das lehrt mal wieder Buber Lesen, habe ich den Eindruck: ich habe für mich versucht, den Satz grafisch umzusetzen. Zum einen war ich aber nie gut in Mathematik, zum anderen will sich Buber wohl nicht auf diese Art verstanden wissen. Jedenfalls habe ich es aufgegeben.
Ich konnte immerhin erkennen, dass Buber von mehreren Beziehungen spricht. Die Schwierigkeit in der Umsetzung liegt für mich aber schon darin, dass jedes Ich auch ein Du ist (OK, am Anfang des Buches stand, das müsse nicht immer so sein, aber es ist wohl eher die Regel als die Ausnahme – immerhin sprechen wir von Beziehung). Zum anderen paßt das Linienbild natürlich nicht gut zu dem Sphärenbild.
Das ist für mich nun schon ein erster Erkenntnisgewinn über das, wovon Buber spricht und ich muss zugeben, ich habe jetzt doch schon mal eine Runde weitergelesen und bin bis Abschnitt 7 gelangt. In den folgenden Abschnitten, auf die ich mich schon sehr freue, wird das vertieft, habe ich den Eindruck: es ist das eine (Linie) und/oder das andere (Sphäre). Nur das eine wäre falsch, ebenso nur das andere, aber auch „und“ bzw. „oder“ allein trifft es nicht ...
Es geht also „quasi“ um einen Raum („Sphäre“), der auf einen Punkt konzentriert ist (DE), von ihm ausgeht und auf ihn zurückführt, der die Dimensionen übergreift und in unseren Dimensionen nicht zu fassen ist.
Dann finden wir hier einen interessanten Satz über das ewige DU: es zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht Es werden kann. Ich habe den Eindruck, das wird ein Stück weit in den nächsten Abschnitten modifiziert – also mal sehen.
Das Linienbild wird im zweiten Absatz weiter verständlich gemacht und da kommen wir wohl zu Kernbestandteilen von Bubers Menschen- und Gottesbild, die sich von der Idee des „von Gott in jedem Menschen“ wohl nicht im Ergebnis, aber ganz sicher auf den Ebenen davor deutlich unterscheiden.
Jedes Du ermöglicht einen Durchblick zum ewigen DU. Das heißt, es ist nicht Teil des ewigen Du. Das Wort Durchblick bedeutet natürlich einerseits „Verständnis,“ weist im Bild das Buber gebraucht aber viel stärker auf so etwas wie Röhre, Schacht, Kanal hin. Man könnte also einerseits sagen, da wo man mit Blick auf das dem Ich gegenüberstehenden Du nichts sieht (obgleich man da eigentlich ALLES sieht), dort also, sieht man dann wirklich alles (nämlich das Ewige DU). Angesprochen sind also wieder eine Reihe von Paradoxien: Erfülltheit und Unausgefülltheit, Körperlichkeit und Schlüssellochleere, ein Durchblickschlüsselloch, das aber keinen Schlossmechanismus hat, keine Drehen im Schloss ermöglicht, das Nichts im Alles, das den Blick auf Alles ermöglicht – und all das auch nicht ...
Dann das Wort vom eingeborenen Du. Nur syntaktisch erschließt sich mir, dass das nicht das ewige sein kann (sondern das jeweils gegenüberstehende). Es verwirklicht sich an einer Beziehung, vollendet sich an keiner. Spannend ist, dass sich das eingeborenen Du nicht in einer Beziehung verwirklicht (weder in der Sphäre noch vermöge der Linien). Hingegen vollendet sich das eingeborene Du in der unmittelbaren Beziehung zum ewigen Du. Es vollendet sich – nicht: „es wird vollendet vom ...“ Und hier doch: in der Beziehung.
sehen - 15. Jul, 09:18
Buber baut hier ein Bild vom Sehen (OK – auch vom Horch_en...) auf, das mir ähnlich kräftig wie das Höhlengleichnis erscheint. Einerseits ist es wieder ein neues Bild für das, was er schon in den vergangenen Abschnitten versuchte zu sagen. Andererseits bleibt es ausfüllungsbedürftig und weist, nehme ich an, schon auf Teil III.
Elemente sind das Denken und das Fühlen, das Gerade und das Runde, das Eine und das Ganze. Jedenfalls ist der Gedanke in der Lage schöne, auch beruhigende Bilder zu malen. Sie helfen ein bißchen weiter, vor allem helfen sie über die Panik des Alltag hinweg. Zur Wirklichkeit führen sie aber nur, wenn man alle Gedankenbilder ohne Zeit und Raumbezug auf einmal sehen kann.
Buber wird etwas drastischer in der Ausdrucksweise. Ich bin gespannt auf Teil III, den ich noch nicht kenne, von dem ich andere hab sagen hören: oh, jetzt klinkt er aus. Nun, mal sehen, ob wir auch ausklinken, oder in unserer Art zu lesen, doch was darin finden.
sehen - 9. Jul, 01:21
Wir erfahren in diesem Abschnitt, wie Buber das Wort “Selbst-Widerspruch“ gebraucht. Offenbar ist es das Gegenteil des Dialogs, der Zwiesprache in der Beziehung: also das Wort, das das Ich an sich selbst richtet. Und das kann keine Zwiesprache oder Zusprache sein, sondern nur gegen an gehen, also „wider“ das Ich.
Soweit, so klar, wohl. Interessant ist noch das Wort vom „eingeborenen Du,“ das sich am begegnenden (Du) auswirken kann. Ich glaube ersteres Du ist das Ich, vom Du aus betrachtet. Also: jedes Ich erst ein Ich am Du, jedes ich erst ein Ich, wenn es einem Du ein Du ist. Hier kommen wir also wieder an die Grenzen der Worte und er Begriffe. Wir haben ja schon oft gelesen, daß ein Ich (oder Du, oder Es) nicht unbedingt eines ist, nur weil wir es nicht anders bezeichnen. Ich denke, man könnte also sagen: „Das unentwickelte, potentielle Ich (im Text: Es) entfaltet sich am unnatürlichen, am unmöglichen Gegenstand, an sich selbst ...“ Damit wird klarer, daß dort der Raum fehlt, wo sich irgend etwas (etwa eine Beziehung ...) entfalten könnte.
sehen - 9. Jul, 01:20
In Abschnitt 9 stand, so lese ich es, dass es keine zwei Formen des „ich“ gibt, nur eine, die sich aber im Eigenwesen zusehends „entwirklicht." In Abschnitt 10 lasen wir dann von drei Beispielen herausragend personhafter Ichs. In Abschnitt 11 konnte ich das Wort Eigenwesen zwar nicht finden (wohl aber Eigenmenschen) – Napoleon soll wohl aber ein Beispiel sein für jemand der ganz Eigenwesen genannt werden könnte: jemand, der kein DU kannte. Im Gegensatz zum „modernen Eigenmenschen“ habe Napoleon aber ein aus dem Ich-Du stammendes Ich nicht einmal vorgetäuscht (hier wohl ein Hinweis auf den Narzissmus). Buber fragt nach Berechtigung und Sendung hinsichtlich Napoleons So-Seins, beantwortet diese Fragen aber nicht abschließend. Ich verstehe ihn so, dass er Napoleon im luftleeren Raum hängen läßt. Über „ihn“ läßt sich nicht viel sagen, denn es sei nicht einmal klar, ob er (Napoleon) selbst seine Sendung verstanden habe. Buber attestiert ihm wohl Schickung (was ist der Unterschied zur Sendung ?) und Vollzug, nicht aber Machtbrunst und Machtgenuß. Dass Napoleons Ich-Sagen „rechtmäßig“ gewesen sein könnte, lehnt Buber offenbar ab – wenn auch nicht explizit. Ich denke, das führt zurück zu Kapitel 9, wonach es insofern nicht zwei (oder mehr) verschiedene Menschentypen gäbe, nur eben solche, die sehr stark in der Beziehung lebten und andere, bei denen das quasi völlig verschüttet sei. Napoleon also ein Beispiel für letztere darf also wie jeder andere auch rechtmäßigerweise „ich“ sagen – er hat nur keine Ahnung, wovon er spricht. Und ebensowenig die, die ihm (oder ähnlich verblendeten Menschen) folgen.
sehen - 7. Jul, 07:19
Es ist in den ersten Zeilen klar, Buber identifiziert sich mit Sokrates. Ich werde gleich kritisch, da er offenbar Sokrates idealisiert, der zwar selbst erheblich logische Fehler machte, dessen Form, wie ich beim vorangegangenen Abschnitt meinte, Buber aber nicht erreicht.
Der Punkt ist aber ein ganz anderer, fange ich an, beim Weiterlesen zu verstehen. Buber zielt nicht auf die Richtigkeit, sondern auf das Engagement von Sokrates in der Wirklichkeit. Denn so geht es mit Goethe und als Gipfel des Engagements mit Jesus weiter: Goethe kann man pathetisch finden und sich distanzieren. Goethe kann man aber wohl nicht abstreiten, dass er wohl wie wenige engagiert gewesen ist. Und Jesus dann eben noch mehr: engagiert im Sinne von „im höchsten Maße verbunden,“ eins in dieser unsichtbaren Hülle, die Ich und Du zu einem Dritten verbindet – der Beziehung der gemeinsamen Wirklichkeit.
Und der Hinweis auf die doppelte Verbundenheit Jesu – mit dem Vater und mit seinen Brüdern und Schwestern. Für Buber ein Beispiel für das „heilige Grundwort.“ Und: die „Größe“ (eher „Wirklichkeit“) des Ich bemißt sich nach seiner Verbundenheit. Diese „Vorbilder“ sind also Giganten, nicht weil sie sehr klug waren oder großes geleistet haben, sondern weil sie so verbunden waren, so sehr in der Wirklichkeit engagiert waren. Ha – ich bin mal wieder begeistert !
sehen - 5. Jul, 13:15
Götter und Dämonen. Buber macht diese Unterscheidung immer wieder ein Stück weit mit. Ich weiss nicht, ob der Dualismus im Zentrum seiner Weltsicht steht, gut und Böse stehen sich gegenüber, aber nicht wie ich und du oder ich und es, sondern wie innen und außen. Entweder, Du hast es (gerade), oder nicht, Du bist in der Gnade oder nicht, Du bist in der Beziehung oder nicht.
Also, die Dämonen sind die, die es nicht haben. Von ihnen kommt die Frage – wahrscheinlich schon die falsche. Auf jeden Fall aber falsch beantwortet. Götter hätten die Frage sicher nicht gestellt, aber sie haben sie „richtig“ beantwortet: in der Beziehung. Der Urgeist ist auf der Seite der Götter. Die Götter sind nicht irgendwer. Bei ihnen ist der Urgeist. Sie haben ihn nicht, auch wenn er sich ihnen gab.
Buber hat diese kleine Geschichte nicht zur Auflockerung aufgenommen, sondern weil sie vollständig seine Auffassung ausdrückt. Sie ist wahrscheinlich ganz gut auch ohne Bubers Texte zu verstehen. Aber Bubers Texte sind besser zu verstehen mit dieser Geschichte. Und, wie immer, steckt natürlich noch viel mehr in der Geschichte. Ich bin gespannt. !
sehen - 3. Jul, 10:24
Zu Kapitel II.8 fällt mir nichts ein - nette Geschichte über Beziehung.
Aber zu Kapitel II.9 und II.10. habe ich im Wörterbuch nachgeschlagen, vielleicht gibt es ja noch mehr teilgebildete Du's auf dieser Seite, die Erklärung brauchen:
Alp = unterirdischer Naturgeist, gespenstisches Wesen
Schibboleth = Erkennungszeichen, Losungswort
Daimonion = warnende Stimme der Gottheit
Kapitel II.9.
Ob ich nun sage: "Ich sehe dich" oder
"Ich sehe den Baum",
vielleicht nicht gleich wirklich ist in beidem das Sehen,
aber gleich wirklich ist in beidem das Ich.
Das Ich des Grundworts Ich-Es wird sich bewusst als Subjekt -
Das Ich des Grudworts Ich-Du wird sich bewusst als Subjektivität.
Es gibt nicht zweierlei Menschen; aber es gibt die zwei Pole des Menschentums.
Durch die Berührung jedes Du
rührt ein Hauch des ewigen Lebens an.
Da kommt mir ein Gedicht von Karl von Frisch (1927) in den Sinn:
Begegnungen
Menschen gibt es viele.
Sie wandeln ihren Weg,
Jeder nach seinem Ziele.
Jeder auf seine Steg.
Wenn sie einander streifen,
Streifen sie vorbei;
Selten, dass sie begreifen,
Wes Art der andere sei.
Seltener noch, dass leise
Beim Streifen die Seele klingt
Und dass des anderen Weise
Froh in uns weiter klingt.
Und woran ich in diesem Kapitel noch rumbeisse ist:
"Alle Wirklichkeit ist ein Wirken,
an dem ich teilnehme,
ohne es mir eignen zu können."
bahnfahrerin - 23. Mär, 22:21
Teil II Abschnitt 6 – ein Plädoyer gegen die Zwangsläufigkeit oder: das Unbehagen an der Geschichtsschreibung
Buber gibt uns ein weiteres Bild für die Ich-Es-Situation auf der einen, die Ich-Du-Situation auf der anderen Seite. Zur Ich-Es-Situation gehört die monokausale, geradlinige Zwangsläufigkeit. Buber vertieft das mit Bezug auf die Geschichtsschreibung und ähnlich arbeitende, sich selbst ideologisch limitierende, und sich dennoch als Wissenschaft bezeichnende Zugänge zur Welt der Gegenstände: „Alle Ablaufbetrachtung ist nur ein Ordnen des Nichts-als-geworden-Seins, des abgetrennten Geschehnisses, der Gegenständlichkeit als Geschichte.“
Das erinnert mich freudig an Paul Feyerabend: „Wider den Methodenzwang“ oder „Wissenschaft als Kunst,“ in denen Feyerabend unserer heutigen, sich für einzig- und allgemein gültig erklärenden Wissenschaftlichkeit die ideologische Blindheit nachweist.
Mit der (zwangsläufig ex post angesiedelten) Ablaufbetrachtung – die natürlich einen unbestreitbaren Lernwert hat – laufen wir Gefahr sehr viel abzuschneiden: den Geist, wie auch die Alternativen.
Im ersten Teil des Abschnitts versucht Buber zu erklären, was für ihn der fundamentale Unterschied zwischen Schicksal und Verhängnis (oder Zwangsläufigkeit) ist. In der Wahrnehmung der Zwangsläufigkeit führt der Weg stets von A nach B – darum herum oder dazwischen gibt es nichts (typische Ich-Es-Situation). Das ist z.B. die wundersame Welt der Schwerkraft (oder anderer physikalischer Gesetze), die natürlich ihren Erkenntniswert hat, die aber vor allem eine praktische Rechnungsgröße darstellt, die es also erleichtert, zu rechnen. Tatsächlich ergeben schon Experimente mit der Schwerkraft, dass die Dinge nicht unbedingt und nicht genau „nach unten“ fallen, sondern von allen möglichen Faktoren abgelenkt oder auch nur scheinbar abgelenkt werden können. Das existiert wohl genauso bei allen anderen derartig einfachen Versuchen, die Wirklichkeit zu erfassen und wird vom ehrlichen Physiker dann als „Schmutzeffekt“ bezeichnet. Für alle anderen existiert es noch nicht mal. Ich würde umgekehrt sagen, in diesem Sinne besteht die Welt hauptsächlich aus Schmutzeffekten – also aus Verhältnissen, die wir gerade mit keiner Formel vollständig erklären können – auch nicht mit einer Vielzahl von Formeln. Es kommt dann weiter darauf an, was wir wollen: wenn wir rechnen wollen und noch mehr Formeln (darunter stets unbestritten nützliche) entwickeln wollen, dann ist diese Beschäftigung ausreichend. Mit der Einschränkung, dass Buber sie für seelisch krank machend erklärt und dringend eine Kur in der Ich-Du-Situation empfiehlt. Zudem führt die (nahezu) ausschließliche Beschäftigung mit der Ich-Es-Situation nach meiner Beobachtung zu einem zügigen Realitätsverlust: kein Kontakt mehr („you’re out of touch, my baby ...).
Beziehung, die Ich-Du-Situation, bedeutet hingegen gerade diesen Kontakt zur Realität. Darin steckt natürlich eine anmaßende Behauptung. Was ist denn Realität ? Hier meine Erläuterung (wenn auch kein Beweis, ich geb’s zu): Ich bin mir sicher, dass die von Buber sogenannte „uneingeschränkte Ursächlichkeit“ – was ich als geradlinige A-B Kausalitätsbehauptung bezeichnen würde, nur ein sehr schwaches, eingeschränktes Bild davon gibt, wie die Dinge wirklich liegen. Dazu gibt es etwa im eingangs genannten Feld der Geschichtsschreibung viel zu sagen. Ich bin aus den gleichen Beobachtungen heraus, wie oben dargestellt, sicher, dass auch die Addition vieler solcher A-B Kausalitätsbehauptungen (die ergänzenden Formeln), nur eine u.U. bessere Annäherung, aber nie das ganze Bild bringen. Denn die Realität liegt nicht im zwei-dimensionalen (Ich-Es-Situation), auch nicht im unendlich oft addiert zwei-dimensionalen (das ist wohl das Drei-dimensionale, oder ist das schon was völlig anderes ?), mit der vierten Dimension tun wir uns schon relativ schwer – und in der Wirklichkeit schließt die Wirklichkeit alle Dimensionen ein – jedenfalls einige mehr, als wir denken können. Das gesamte, hilfsweise als „sphärische“ denkbare Umfeld, zwischen Apfelbaum, Apfel und Erdboden und alles, was im Flug passiert, was zuvor und währenddessen im Universum passiert - und noch mehr, das ist dieses allumfassende, das einhüllende Zwischen, das die Ich-Du-Situation beschreibt.
Die Monokausalität (A-B), ist die Zwangsläufigkeit, die Ich-Es-Situation, die Unfreiheit – aber auch die Irrealität, weil es sich einfach nicht um ein auch nur annähernd zutreffendes Bild der Wirklichkeit handelt. Es gibt aber auch ein Denken in Alternativen, es gibt die Möglichkeit, den Regeln ihre Allgemeingültigkeit und alles erklärende Kraft abzusprechen – es gibt vor allem die Kraft zur Umkehr.
Schicksal ist dann für Buber etwas völlig anderes als Zwangsläufigkeit: Schicksal, das Universum der Ich-Du-Situation, wird spürbar, wenn ich „die Tat, die mich meint entdecke“ und dann in ihrer Umsetzung merke, „daß ich sie nicht so, wie ich sie meinte, vollbringen kann.“ Und weiter: „Freiheit und Schicksal umfangen einander zum Sinn.“
sehen - 14. Mär, 12:34