Buber und Freunde


Buber , Martin
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Muth, Cornelia
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Teil II Abschnitt 2 – Geist ist Antwort

Der Geist in seiner menschlichen Kundgebung ist also nicht nur Antwort, sondern wie im Abschnitt zuvor gesehen, etwas, worin der Mensch leben kann.

Der Geist ist nach Buber unabhängig von seiner Ausdrucksform, da letztere Produkt einer doppelten Brechung ist: Geist als Antwort muss sich erst im Menschen formen und dann muss diese Antwort auch noch einen äußeren Ausdruck finden.

Buber meint der Mensch lebt (steht) in der Sprache. Das ist wohl, ebenso wie oben beim Geist, der Hinweis auf die allumfassende, grenzenlose, du-bezogene Eigenschaft der Sprache, wie des Geistes: nicht wie das Blut in Dir, sondern wie die Luft um uns: ein sehr vereinigender Gedanke. Immerhin ist die Luft (wie der Geist ?!) an nationale Grenzen nicht gebunden.

„Der Mensch lebt im Geist, wenn er seinem Du zu antworten vermag ... wenn er in die Beziehung mit seinem ganzen Wesen eintritt.“ Daher also diese doppelte Eigenschaft des Geistes: der Geist ist die Antwort, die Beziehung und daher „alles“ oder allumfassend.

Je deutlicher, klarer, kräftiger aber diese Antwortseite des „Geistes,“ der Ich-Du-Beziehung sind, desto eher wird daraus auch ein sprachlicher Ausdruck – und schon wieder sind wir beim Es. Das „reine“ oder wie Buber besser sagt „freie“ Du steht da, wo der Geist sich nicht kundtut, sondern ist. Das mache das besondere Menschliche aus: dass sich für den Menschen so Erkenntnis, Werk, Bild und Vorbild entwickeln kann – „in der Mitte des Lebendigen“ – und aus ihr heraus... Das sei aber nur die eine Seite des typisch Menschlichen, dem Buber aber schon eine tragische Seite gibt. Die andere Seite sei der inhärente Aufruf, oder die immer bestehende Möglichkeit, vom Es zum Du zurückzukehren: vom Gegenständlichen zur Gegenwart.

Die Basis von Erkenntnis ist im für Buber wohlverstandenen Sinn, das Du-hafte Schauen in einem Es-orientierten Prozess der Erkenntnisvermehrung. Wer danach den „Gegenstand“ aus der begrifflichen Erkenntnis wieder herausnehmen kann, hat die Möglichkeit wieder ich das Ich-Du, also in die Gegenwart, einzutreten.

Und zum Schluss führt Buber noch das „reine Wirken, die Handlung ohne Willkür“ als höchste Ausdrucksform des Geistes ein: Die Antwort mit dem Leben. Das sein Leben sprechen lassen. Dieses Leben sei Lehre. Nicht Lehre darüber, was ist und was sein soll, sondern wie im Geist, im Angesicht des Du gelebt wird. Das führt also zurück zur Beziehungskraft, die laut Abschnitt 1 heute (bzw. vor 80 Jahren) so sehr gemindert sei.

Aha. Buber sagt, er habe keine Lehre. Vielleicht sollten wir uns doch sein Leben ansehen, soviel wir hinter den Schriften davon als Antwort auf den Geist finden können.

Dieses Leben – das erlebte Leben – ist dann möglicherweise Schlüssel zum Du und kann auch selbst zum Du werden. Wer „Bescheid weiss,“ die Welt erobert hat, alles im Buch gelesen hat, verfehlt so das Du. Verehrung und Anbetung ist etwas völlig anderes, als sich anrühren zu lassen – umfassend anrühren zu lassen.
Horch - 3. Mär, 09:27

Nun habe ich hier eine Zeit mitgelesen und auch bei unserem Gruppenabend verstärkt den Eindruck gewonnen, auf heimischen Terrain zu sein. Obgleich ich das Ich-Du-Buch nie zu Ende las (wohl aber seine Chassidim). Vor etwa zehn Jahren fiel es mir in die Hände, doch auf halber Strecke wechselte ich damals zu „Totalität und Unendlichkeit“ von Emmanuel Levinas. Das ist ein völlig analoges Buch („Totalität“ entspricht Bubers „Es“ und „Unendlichkeit“ dem „Du“) - auch von einem Juden, ausdrücklich auf dem Ich-Du-Buch basierend. Nur eben nicht achzig Jahre alt. Von daher ist mir das Erfahren von Ich-Du und Ich-Es so urvertraut, daß ich heute mitunter denke, nie anders erlebt zu haben. Was natürlich nicht heißen soll, daß mir jede Passage bei Buber verständlich ist. Nur der Grund scheint mir gewiß.

Nun will ich mit Eurem Maß mitlesen.

Teil II, Ende des zweiten Abschnitts:
„O einsames Angesicht sternhaft im Dunkel, o lebendiger Finger auf einer unempfindlichen Stirn, o verhallender Schritt!“ Hier mußte ich schmunzeln: Mochte Martin Buber Georg Trakl? – Wieder eine Frage nach Bubers Leben …

sehen - 3. Mär, 12:14

Willkommen auf heimischem Terrain

Das ist eine sehr schöne Botschaft - habe mich sehr gefreut. Und auch zB über die gemeinsame Freude an Fingern auf der Stirn und ähnlichen Wundern.
Horch (Audi ?), Du kannst dieses Blog abonnieren (Mitglied werden) - dann kann ich Dich auch zum "Kontributor" machen. Du bist dann eingeladen auch gleich über Teil III Abschnitt 9 oder einen ganz anderen Text zu schreiben. Die Reihenfolge ist wirklich egal. Es geht also nicht um "unser Maß," sondern, dass ich für mich diese Art der Lese- und Antwortweise als passend entdeckt habe. Dieses Blog gibt aber Raum, auch darüber hinaus zu gehen. Jede kann jeder und allem an jeder Stelle antworten - wenn es so sein soll ... Oder mehr von Levinas berichten. Ich denke, es gibt noch sehr viele, die auf das gleiche geantwortet haben. Wir sind dicht dran :-)
Horch - 4. Mär, 09:28

Danke für das Willkommen. Freilich meint HORCH weniger das "heiligs Blechle" sondern vielmehr das hörende Wahrnemen (analog zu SEHEN).
bahnfahrerin - 4. Mär, 18:18

schon II.3 ??!!

Hallo"
Kaum dreht man dem blogg den Rücken zu (Redaktionsschluss - puh-geschafft) ist schon ein neuer drin, horch, horch...

Witzig finde ich es, gerade die Stelle mit der Stirn hier zu finden. Beim Lesen markiere ich mir die Stellen im Buch, die ich für mich als sehr erhellend finde (und demnach auch verstehe). Und dann gibt es immer wieder Stellen, mit denen ich gar nix anfagen kann. Und dazu gehörte heute das mit dem Dunkel, der Stirn und dem Schritt.
Würde mir das mal jemand erklären?
Gruß !
sehen - 7. Mär, 09:21

Ideen Teil II Abschnitt 2

Ja, genau dafür sollte das Blog sein, dass wir uns gegenseitig auf ein Verständnis des Textes hinweisen, auch auf verschiedene Lesarten und eigene entsprechende oder auch andersartige Erfahrungen. Und zum „so ist es“ möglichst noch das, wie es denn nun ist, irgendwie dazu.

Also meine Ideen zu dem letzten Satz von Teil II Abschnitt 2:
Buber beschreibt zuvor eine äußerst unbefriedigende („unerlöste“) Situation, die er noch dazu als umsichgreifend wahrnimmt. Nun könnte er mit einem wehklagenden „Oh Je...“ oder „Oh Gott“ enden. Das liegt ihm natürlich völlig fern. Der extremen Ich-Es-Situation setzt er aber eine Du-Erfahrung gegenüber. Sehr fassbar, bildhaft, geradezu zitatartig. Natürlich gibt es diese Schöpfungs- bzw. Seelenvermittlungsszene mit dem Finger auf der Stirn. In den Bildern ist die Anwesenheit des DU zu spüren, aber auch, wie sie entschwindet – und angerufen werden muss, um den Bezug nicht zu verlieren. Ist das hilfreich ? Eine schöne Woche !
Horch - 7. Mär, 17:04

O einsames Angesicht sternhaft im Dunkel - und der Finger auf unempfindlicher Stirn.

"Und dann gibt es immer wieder Stellen, mit denen ich gar nix anfagen kann. Und dazu gehörte heute das mit dem Dunkel, der Stirn und dem Schritt. Würde mir das mal jemand erklären?"

Ich denke so: 12 Zeilen weiter oben schreibt Buber: Das Leben "steht bereit, ihnen allzeit selbst zum Du zu werden und die Duwelt aufzutun; nein, es steht nicht bereit, es kommt immerdar auf sie zu und rührt sie an." Diesem Wunder des unverdienten Auf-mich-Zukommens des Lebens, um mir "Du" zu werden - dieser Gnade gibt er schließlich die Form einer fast stammelnden Lobpreisung. Ich kann das verstehen. (Erinnert das nicht auch an Eckehart, der sagt, daß es Gottes Wesen sei, unentwegt auf uns zuzugehen?)

Meine Freude an dieser Stelle rührte eigentlich nicht von einem konkreten Verstehen her. Es ist mehr der Duktus von Trakl, der mich Schmunzeln machte.

Für den Fall, daß Dir Georg Trakl nicht gegenwärtig sein sollte, hier ein Zitat aus „Erinnerung“, bei dem es rein um die sprachliche Form geht:

O dein Lächeln im Dunkel, traurig und böse, daß ein Kind im Schlaf erbleicht. Eine rote Flamme sprang aus deiner Hand und ein Nachfalter verbrannte daran. O die Flöte des Lichts; o die Flöte des Tods. Was zwang dich still zu stehen auf verfallener Stiege, im Haus deiner Väter? Drunten ans Tor klopft ein Engel mit kristallnem Finger. O die Hölle des Schlafs; dunkle Gasse, braunes Gärtchen. Leise läutet im blauen Abend der Toten Gestalt. Grüne Blümchen umgaukeln sie und ihr Antlitz hat sie verlassen. Oder es neigt sich verblichen über die kalte Stirne des Mörders im Dunkel des Hausflurs; Anbetung, purpurne Flamme der Wollust; hinsterbend stürzte über schwarze Stufen der Schläfer ins Dunkel.
bahnfahrerin - 4. Mär, 21:14

schweigen

"Nur das Schweigen zum Du,
das Schweigen aller Zungen,
das verschwiegene Harren im ungeformten Wort
lässt das Du frei,
steht mit ihm (...), wo der Geist (...) ist"

Genau das habe ich in der vorigen sonntäglichen Andacht gespürt. Ein Freund wurde von tiefer Trauer erfasst - ich spürte, dass jedes gesagte Wort davon wegführen würde, von "wo der Geist ist" - unbeschreiblich! Und so wahr!
Wir standen "harrend" mit ihm (Du) - und haben seine Trauer, seinen Verlust nicht durch Worte oder Gedanken zum "Es" gemacht - es war so gut!

mimi23 - 9. Mär, 10:53

Andacht?

"Je mächtiger die Antwort, um so mächtiger bindet sie das Du, bannt es zum Gegenstand. Nur das Schweigen zum Du, das Schweigen aller Zungen, das verschwiegene Harren im ungeformten, im ungeschiedenen, im vorzunglichen Wort läßt das Du frei, steht mit ihm in der Verhaltenheit, wo der Geist sich nicht kundgibt, sondern ist."

Ist das die Beschreibung einer Andacht?

bahnfahrerin - 13. Mär, 07:20

Für mich ist es ein Teil einer Beschreibung einer Andacht, ja ! Vor allem, wenn es um Entscheidungen geht.

"Nur als Es kann es in den Bestand der Erkenntnis eingehen (...) Und nun ist dieses in der Esform der begrifflichen Erkenntnis eingeschlossen. Wer es daraus erschließt und wieder gegenwärtig schaut, erfüllt den Sinn jenes Erkenntnisaktes als eines zwischen den Menschen Wirklichen und Wirkenden" (Abschnitt 2)

Und das gelingt mir am besten in der gemeinsamen Stille.
mimi23 - 9. Mär, 11:02

.. wenn ja, dann....

......heißt der nächste Satz bei Buber: "Alle Antwort bindet das Du in die Eswelt ein." Ist das dann unsere Unzufriedenheit, unsere Schwermut, dass wir im Antworten, im Sprechen aus der Ich-Du-Beziehung fallen in die Es-Welt? Aber es würde auch bedeuten, dass es keine Lösung dafür gibt, denn es gibt keinen Zwischenraum zwischen den beiden Sphären. Und noch viel mehr weitere Fragen tun sich auf......

bahnfahrerin - 13. Mär, 07:06

"Nein, den Menschen, der, den Funken tragend, in die Eswelt zurückkehrt, bedrückt die ursächliche Notwendigkeit nicht" (Abschnitt 5)
sehen - 14. Mär, 12:45

Stille ist nicht im schalltoten Raum zu finden

"Aber das Hören enthält andere Möglichkeiten, eine andere Kraft in sich als dieses bei sich zu bleiben und eine vertraute Welt um sich herum aufzubauen. Luigi Nono hat das in seinem Vortrag "Der Irrtum als Notwendigkeit" von 1983 angedeutet: " Die Stille. Hören ist sehr schwierig. Sehr schwierig, in der Stille dien Andern zu hören. Andere Gedanken, andere Geräusche, andere Klängen, andere Ideen. Wenn man hören kommt, versucht man oft, sich selbst in den Andern wiederzufinden. Seine eigenen Mechanismen, System, Rationalismus wiederzufinden, im Andern. Statt die Stille zu hören ... Das ist eine Mauer gegen Ideen, gegen das, was man heute noch nicht erklären kann ... Man liebt es, immer wieder dasselbe zu hören, mit jenen kleinen Unterschieden, welche erlauben, die eigene Intelligenz zu beweisen ..."
Das Hören also als Annehmen des Unvertrauetn, des Neuen, des Fremden, als Überschreiten der eigenen Grenzen, ja als Weg in die Freiheit! Es fällt auf, daß der Text von Nono mit dem Hinweis auf die Stille beginnt. Stille ist doch das Unhörbare - mit welchem Recht kann sie ein Vorwort zum Hören sein? Nun ist es eine sicher auch Nono bekannte Tatsache, daß es, wenn Menschen beteiligt sind, Stille gar nicht geben kann. Das war die Erkenntnis von John Cage, der sich, um Stille zu erleben, in den schalltoten Raum der Harvard-Universität begeben hatte und selbst dort zwei Lauten, einem hohen und einem tiefen, begegnete: dem Geräusch des Blutkreislaufs und der Bewegung der Nerven. Solange Leben präsent ist, gibt es keine Stille; es hat seinen Sinn, daß man Stille mit Friedhofsruhe assoziiert.
Weil Hören ein Phänomen des Lebens ist, kann es also im genauen Sinn gar kein Hören auf die Stille geben. Stille kann deshalb keine Lautlosigkeit um mich herum sein, sondern musß als innere Stille verstanden werden, als eine Qualität des geistes, der mit nichts beladen ist, nichts wünscht und erwartet, sondern offen ist für das, was immer kommen mag. Stille in diesem Sinn ist gleichbedeutend mit Empfangsbereitschaft. Anders als im spekulativen Hören, in dem der Geist, was ihn schon erfüllt, in Beziehung setzt zu demwas ihm jetzt begegnet, ist der stille Geist eine leere Projektionsfläche, auf dem sich das, was jetzt geschieht, ohne Modifikationen abzeichnen kann. Nur so kann das Andere, von dem Nono spricht, das Fremde und Unvertraute, in Erscheinung treten, denn es ist nichts da, an das es sich anpassen müßte oder das das Fremde ergreift und sich zu "eigen" macht; so kann der Geist Neues erfahren.
aus Thomas Ulrich "Reines Hören" in Lettre International 66 (Herbst 2004) S.102
Horch - 15. Mär, 11:04

Horch, horch...

In einem schalltoten Raum war ich vor zwei Wochen: Hier gleich in der Nähe gibt es einen solchen von der Größe zweier Fußballfelder für Lärmmessungen an Flugzeugtriebwerken. Seitdem ich dort war, verstehe ich, daß schalltote Räume zur Folter verwendet werden. Es ist eine akustische Erfahrung, zu der ich kein Aquivalent kenne (daß John Cage sie suchte – es paßt).

Ich möchte noch einen weiteren Aspekt des Hörens ins Spiel bringen, verkürzt nur, mehr als Ergänzung und Anstoß:

Was nur durch das Ohr, nicht aber durch das Auge wahrgenommen werden kann, ist im Bereich unserer Wahrnehmung das Unsichtbare. Die Menschen haben sich immer wieder einreden wollen, das Unsichtbare könne nicht wirklich sein. Aber sie dementieren damit die Sprache ihrer Sinne. Geräusche, Töne, Klänge kann man nicht sehen, so wenig wie Gefühle und Gedanken. Trotzdem ist alles dieses wirklich. Die ganze menschliche Existenz ist in eine Sphäre des Unsichtbaren eingebettet. Zur Wahrnehmung des Auges gehört Distanz. Die Distanz erzeugt erst jene Klarheit, in der sich die Dinge unserem Auge zeigen. Hingegen ist der hörende Mensch ausgeliefert dem, was er wahrnimmt. Unser Gehör nimmt Töne unmittelbar als Lebensäußerungen wahr. Es vernimmt im Sausen des Windes seine Macht. Es vernimmt im Donner die Entladung des Blitzes. Das Hören ist Wahrnehmung unsichtbarer Mächte. Deshalb ist der Mensch der religiösen Welterfahrung in allen Kulturen primär nicht der sehende sondern der hörende Mensch.

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