Teil I Abschnitt 26 – Der Weg zu Gott
Erneut beginnt ein ganz kurzer Abschnitt mit einer Frage. Sehen wir hier ein besonderes Beispiel für das dialogische Prinzip ? Buber will seinen ganzen Text in Zwiesprache oder Beziehung zum Leser schreiben. Ich denke also, dass der Abschnitt mit expliziter Frage und Antwort eher daran erinnern soll, den Leser also ähnlich einem Hörer daran erinnern soll, ruhig Zwischenfragen zu stellen – und dass sie auch beantwortet werden: manchmal sofort und schriftlich, manchmal nur geistig.
Der „Dialog“ zeichnet sich wohl dadurch aus, dass auch die explizite, schriftliche Antwort dem nicht Leser nicht einfach als endgültige Erklärung vorgesetzt wird. Sowohl Frage, als auch Antwort werfen ihrerseits neue Fragen auf – regen also wirklich den Dialog (weiter) an und schließen (glücklicherweise) nicht ab.
Buber fragt sich an ein Paradies in der Urzeit der Menschheit – oder läßt sich danach fragen. Es geht also nicht um einen jenseitigen Zustand, sondern ganz konkret unter Menschen, wenngleich zu einer anderen Zeit. Unterstellt wird der Begriff des Paradieses und Buber weist wie in den vorangegangenen Abschnitten auf den Entwicklungsaspekt (Urzeit…) hin. Das verbindet er bemerkenswerterweise mit der Glaubensfrage.
Zumindest hinsichtlich des Glaubensaspektes ist vielleicht die Frage schon ironisch gemeint, jedenfalls greift die Antwort sie skeptisch auf: Buber beantwortet sie mit Vorsicht hinsichtlich seines Wissens – übrigens selbst so noch nicht mit genug Vorsicht, meine ich. Er meint also, auf eine gewisse Urzeit in (seinem) geschichtlichen Denken zurückgehen zu können. Er kann oder will nicht einschätzen, ob diese solchermaßen für ihn doch fassbare Urzeit nun als Paradies oder als Hölle zu qualifizieren war (obgleich ihm wohl mehr für letzteres zu sprechen scheint). Er ist sicher aber sicher, dass diese Urzeit nicht „unwirklich“ war.
Was meint Buber an dieser Stelle mit „unwirklich“ ? Er meint wohl zu wissen, dass die Urzeit „Präsenz“ hatte oder Realität war, für die damals lebenden Menschen. Dann kommt ein drastischer Ausspruch: „…aber besser noch Gewalt am real erlebten Wesen, als die gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern! Von jener führt ein Weg zu Gott, von dieser der in Nichts.“
Unwirklich ist also „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern,“ während das Gegenteil und (noch, also relativ gesehen) besser die „Gewalt am real erlebten Wesen“ sei. Klar also, dass heute – zumindest in Bubers heute, auch in unserem? – vorrangig die „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern“ zu beobachten ist.
Oh je. Ist das so ? Ich kann über so etwas nicht sprechen oder nachdenken, wenn nicht erstmal zumindest geklärt ist, was Gewalt ist. Ich selbst definiere sie in etwa als Ausübung physischer oder psychischer Kräfte mit der Wirkung, die (nicht ihrerseits gewalttätigen) Lebensentfaltungsmöglichkeiten einzuschränken. Ob Gewalt nach so einer Definition etwas auch nur vergleichsweise positives hat, wage ich zu bezweifeln. Von dem Gegenbild der „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern“ weiss ich auch recht wenig – ich hoffe, Buber hält mich da nicht für blind. Allerdings gebe ich zu, dass sie wohl existiert (was genau aber ist „gespenstisch“ außer einer starken Abwertung ?) – insoweit aber sicher eine Art der Gewalt nach meiner Definition ist. Sollte Buber von einer ähnlichen Gewaltdefinition ausgehen, liegt also der Unterschied nicht im je ersten Teil des Vergleichsgegenstandes, sondern darin, dass die Gewalt (in der Urzeit) am real erlebten Wesen ausgeübt wurde, heute an antlitzlosen Nummern. Letzteres führe ins Nichts, ersteres möglicherweise („ein“ Weg) zu Gott.
Ist das die erste Stelle in dem Buch, in der das Wort „Gott“ gebraucht wird ? Kommt mir so vor. Nun wird hier sogar gleich auf einen Weg zu Gott hingewiesen. Über das Begegnungserlebnis, auch über die Gewalt – wenn sie nur am real erlebten Wesen ausgeübt wird – führt ein Weg zu Gott. Vielleicht mal ein Test im kleinen: die Hausschlachtung führt zu Gott, abgepackter Pressschinken führt ins Nichts. So richtig will ich mich darauf nicht einlassen. Interessant bleibt aber, dass es
Der „Dialog“ zeichnet sich wohl dadurch aus, dass auch die explizite, schriftliche Antwort dem nicht Leser nicht einfach als endgültige Erklärung vorgesetzt wird. Sowohl Frage, als auch Antwort werfen ihrerseits neue Fragen auf – regen also wirklich den Dialog (weiter) an und schließen (glücklicherweise) nicht ab.
Buber fragt sich an ein Paradies in der Urzeit der Menschheit – oder läßt sich danach fragen. Es geht also nicht um einen jenseitigen Zustand, sondern ganz konkret unter Menschen, wenngleich zu einer anderen Zeit. Unterstellt wird der Begriff des Paradieses und Buber weist wie in den vorangegangenen Abschnitten auf den Entwicklungsaspekt (Urzeit…) hin. Das verbindet er bemerkenswerterweise mit der Glaubensfrage.
Zumindest hinsichtlich des Glaubensaspektes ist vielleicht die Frage schon ironisch gemeint, jedenfalls greift die Antwort sie skeptisch auf: Buber beantwortet sie mit Vorsicht hinsichtlich seines Wissens – übrigens selbst so noch nicht mit genug Vorsicht, meine ich. Er meint also, auf eine gewisse Urzeit in (seinem) geschichtlichen Denken zurückgehen zu können. Er kann oder will nicht einschätzen, ob diese solchermaßen für ihn doch fassbare Urzeit nun als Paradies oder als Hölle zu qualifizieren war (obgleich ihm wohl mehr für letzteres zu sprechen scheint). Er ist sicher aber sicher, dass diese Urzeit nicht „unwirklich“ war.
Was meint Buber an dieser Stelle mit „unwirklich“ ? Er meint wohl zu wissen, dass die Urzeit „Präsenz“ hatte oder Realität war, für die damals lebenden Menschen. Dann kommt ein drastischer Ausspruch: „…aber besser noch Gewalt am real erlebten Wesen, als die gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern! Von jener führt ein Weg zu Gott, von dieser der in Nichts.“
Unwirklich ist also „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern,“ während das Gegenteil und (noch, also relativ gesehen) besser die „Gewalt am real erlebten Wesen“ sei. Klar also, dass heute – zumindest in Bubers heute, auch in unserem? – vorrangig die „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern“ zu beobachten ist.
Oh je. Ist das so ? Ich kann über so etwas nicht sprechen oder nachdenken, wenn nicht erstmal zumindest geklärt ist, was Gewalt ist. Ich selbst definiere sie in etwa als Ausübung physischer oder psychischer Kräfte mit der Wirkung, die (nicht ihrerseits gewalttätigen) Lebensentfaltungsmöglichkeiten einzuschränken. Ob Gewalt nach so einer Definition etwas auch nur vergleichsweise positives hat, wage ich zu bezweifeln. Von dem Gegenbild der „gespenstische Fürsorge an antlitzlosen Nummern“ weiss ich auch recht wenig – ich hoffe, Buber hält mich da nicht für blind. Allerdings gebe ich zu, dass sie wohl existiert (was genau aber ist „gespenstisch“ außer einer starken Abwertung ?) – insoweit aber sicher eine Art der Gewalt nach meiner Definition ist. Sollte Buber von einer ähnlichen Gewaltdefinition ausgehen, liegt also der Unterschied nicht im je ersten Teil des Vergleichsgegenstandes, sondern darin, dass die Gewalt (in der Urzeit) am real erlebten Wesen ausgeübt wurde, heute an antlitzlosen Nummern. Letzteres führe ins Nichts, ersteres möglicherweise („ein“ Weg) zu Gott.
Ist das die erste Stelle in dem Buch, in der das Wort „Gott“ gebraucht wird ? Kommt mir so vor. Nun wird hier sogar gleich auf einen Weg zu Gott hingewiesen. Über das Begegnungserlebnis, auch über die Gewalt – wenn sie nur am real erlebten Wesen ausgeübt wird – führt ein Weg zu Gott. Vielleicht mal ein Test im kleinen: die Hausschlachtung führt zu Gott, abgepackter Pressschinken führt ins Nichts. So richtig will ich mich darauf nicht einlassen. Interessant bleibt aber, dass es
- einen Weg zu Gott gibt,
- einen Weg gibt, der nicht zu Gott führt,
- der Weg von Gott weg ins Nichts führt,
- also das Nichts seinen Platz hat
- und der ist am gegenüberliegenden Ende von dem Gottes.
sehen - 18. Feb, 09:29
wie Menschlichkeit verletzt wird ist egal
Das Unbehagen kommt sicher aus meiner Vorstellung, dass es einem Urzeitmenschen egal ist, welcher Art seine Hölle ist: sie bleibt Hölle für ihn. Ob daraus für ihn ein Weg zu Gott führt, bleibt mir eher eine fremde Vorstellung, vor allem, weil sie beinhaltet, dass wir nur dann an Gott interessiert sind, wenn wir Hölle erleben - daran glaube ich nicht.
Der Text ist vor der Shoa geschrieben worden. Wäre es dann zulässig zu sagen, von der seelenlosen Vernichtung führt kein Weg zu Gott? Haben die Recht, die sagen, nach Auschwitz ist Glauben unmöglich geworden? Nein.
Ich finde, mit seiner Polarisierung der "Gewalt am realen erlebten Wesen" und "gespenstische Fürsorge" baut er ein Gegensatzpaar auf, das nicht so zusammen gehört. Beides sind schreckliche Erfahrungen, die Menschen machen (müssen), denn sie werden in ihrer Menschlichkeit verletzt. Und sind damit außerhalb einer Ich-Du-Beziehung. Warum sollte also die eine Erfahrung besser sein als die andere? An dieser Stelle kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, warum Buber diesen Gedankenstrang in seine Überlegungen aufgenommen hat.
Gedankenstrang statt Gedankenstrenge ?
So wie Du siehst, dass das Buch vor der Shoa geschrieben ist, können wir auch zur Kenntnis nehmen, dass das Buch kurz nach Freuds großen Veröffentlichungen geschrieben ist und zu einer Zeit, als man gerade große neue Erkenntnisse über die Evolution verarbeitete. Buber war damit wohl einigermaßen auf der Höhe seiner Zeit, aber – und das könnte er sicher stärker offenlegen – stark im Spekulativen. Nun wissen wir weder über die Psyche, noch über die Individual- oder Menschheitsentwicklung heute so viel mehr – vor allem nicht so viel definitives.
Aber was Buber schreibt, genau wie er spekuliert läßt natürlich sehr viel über sein „Ich“ erkennen. Buber schreibt immerhin nach den völlig unvorstellbaren und unvergleichlichen Schrecken des ersten Weltkrieges, die ihn wohl nicht vom Glauben, aber immerhin einige Zeit vom Schreiben abgebracht hatten.
Buber sagt, das Buch sei aus dem Dialog, aus und in der Beziehung geschrieben. Ob es sich dabei nun um die Ich-Du oder die Ich-Er/Sie/Es-Beziehung handelt, stets ist das „ich“ damit involviert.
Ich habe selbst ein großes Unbehagen bei dieser Textstelle. Buber überspringt hier nach meinem Eindruck einiges und kürzt Gedankenfolgen so stark ab, dass zu befürchten ist, dass er doch nicht mehr genau hinschaut, also weder im einen, noch im anderen Grundwort ist – sondern einfach ganz draußen.
Spannend ist, warum ihm das hier passiert – wenn wir ihn überhaupt richtig verstehen. So dicht wie er schreibt, will er ja wohl jedes Wort auf die Goldwaage gelegt haben und „kann“ also nicht besser, an dieser Stelle.
Er will also etwas sagen und holt dabei zu einer Verteidigung des „Unmittelbaren“ aus, die offenbar weit über das Ziel hinausschießt. Aber richtig rätselhaft ist, warum nun gerade hier ausgerechnet Gott und vor allem das Wort „Gott“ ins Spiel kommt.
Um hier wirklich weiter zu kommen, müßten wir uns (und Buber) fragen, was
- Glauben,
- Gewalt,
- Gewalt am realen erlebten Wesen,
- gespenstische Fürsorge,
genau ist, und in welchem Verhältnis diese Dinge jeweils zu Beziehung bzw. zu dem einen oder anderen Grundwort stehen.
Bis wir das angehen, müssen wir wohl akzeptieren, dass Buber hier zu kurz gegriffen hat und schauen, ob die Lücke vielleicht später geschlossen wird. Mich würde es aber immer noch interessieren, ob das wirklich die erste Stelle ist, wo „Gott“ erwähnt wird.